Noch ist ja Zeit!

Das Phänomen „Studentensyndrom“

Jedem ist es bekannt das „Studentensyndrom“, spätestens in der Sekundarstufe II erkranken viele Schüler an diesem „Krankheitsbild“. Vorwiegend allerdings kommt es bei, wie der Name schon sagt, Studenten vor.
Was aber verbirgt sich hinter dem „Studentensyndrom“, von dem viele betroffen sind, es aber nicht wissen.
Vielleicht erkennen es einige an einem Beispiel, das auf meiner eigenen Erfahrung basiert.

(Geschichte und Namen abgeändert)
Lehrer XYZ gibt dem Leistungskurs ABC die Aufgabe die beginnende Unterrichtsreihe bis zum Ende derselbigen, in einer Zusammenfassung zu verschriftlichen. Dies sollte natürlich zur eigenen Klausurvorbereitung dienen, was auch sinnvoll erscheint und eine anfängliche Begeisterung aufkommen lässt.

Nach dem 1. Drittel, der den Kursschülern sehr entgegenkommend gewählten Zeit, in der nichts für die Zusammenfassung getan wurde, kamen erste Erscheinungen von Zeitdruck auf.
Diese konnte erfolgreich mit dem berühmten Satz „ Ach, ist ja noch Zeit !“ verdrängt werden und schaffte genug Spielraum um das 2. Drittel anderweitig ( Sport, Freunde, PC…) zu verplanen.
Diese Dinge sind natürlich viel wichtiger und helfen ungemein bei der Klausurvorbereitung.

Im letzten Drittel angekommen, machen sich die ersten Anzeichen von Panik breit. Da kommt mir der Satz des Lehrers
„Ich bin am Abgabetag nicht in der Schule, legt die Arbeiten bitte in mein Fach“
gerade recht und wie gerufen.
Ein langjähriger Schüler weiß, dass ein Lehrer in den meisten Fällen erst am darauf folgenden Tag sein Fach kontrolliert, sprich, wenn man früh genug, vor dem Lehrer in der Schule ist, kann man noch am darauf folgenden Tag abgeben. Dieses Vorgehen ist solange es nicht auffällt eine gute Taktik. Wenn es auffällt ist es schlicht und ergreifend ein Täuschungsversuch und damit ungenügend.
Aber darüber macht man sich bei aufkommender Panik keine Sorge, schließlich gewinnt man eine Nacht, in der man die Arbeit fertig stellen kann.
Natürlich hat man nicht nur Zeit gewonnen, sondern diese neu gewonnene Zeit, wenn sie auch kurz ist, senkt die aufkommende Panik auf einen Pegel, der Raum schafft, die Zeit bis zum Ende des letzten 3. Drittels mit entspannendem Nichtstun zu verbringen.
Am letzten Abend vor Abgabe, man erinnert sich, dass es die Zeit ist, welche durch Strategie hinzugewonnen werden konnte, kommt der Gedanke: „Oh, jetzt wird es aber knapp, jetzt muss ich reinhauen!“.
Das verschafft den fehlenden Druck und beschleunigt die Arbeit von 0 auf 200 „Arbeitseinheiten pro Sekunde“.
Am nächsten Morgen kommt man logischer Weise nicht ausgeschlafen in die Schule, hat aber eine Arbeit dabei, die für mehrere Wochen ausgelegt war, allerdings auch prima in einer Nacht geschafft werden konnte.


Den meisten wird nun bekannt sein, was man unter dem Phänomen „Studentensyndrom“ versteht, allerdings gibt es trotzdem eine kürzere allgemeingültige Definition:

Das Studentensyndrom besagt, dass Aufgaben ohne Druck und Motivation erst in der letzten Minute bearbeitet werden. (Quelle: glossar.fh-augsburg.de/Studentensyndrom)

Den Begriff „Studentensyndrom“ schuf Eliyahu M. Goldratt in seinem Buch „Die kritische Kette“ für das Phänomen des Aufschiebeverhaltens und der schlechten Arbeitsplanung, vor allem bei Studenten.

Warum dieses Phänomen erst ab der Sekundarstufe II und bei Studenten aufkommt, liegt daran, dass in der Sekundarstufe I noch starker Druck auf die Schüler ausgeübt wird, wenn sie eine Aufgabe zu erledigen haben. Lehrer fragen in dieser Zeit noch regelmäßig nach, halten Abgabetermine vor Augen und „treten einzelnen auf die Füße“.
In späteren Jahren wird den Schülern und vielleicht späteren Studenten die Arbeitsplanung selbst überlassen. Durch das festlegen eines Abgabetermins und der Bringschuld sollte der Schüler im Regelfall von allein ans Arbeiten kommen.
Bei vielen Schülern und Studenten heißt es hier Fehlanzeige, obwohl die Konsequenzen, wie schlechte Zensuren und durch Zeitdruck entstehender Stress, bekannt sind.
Vereinzelt gibt es Schüler, die auf sich so starken Druck ausüben, dass Aufgaben schnellstmöglich erledigt werden.
Faszinierende Menschen !

Als Fazit kann man nur festhalten, dass durch bessere, konsequent eingehaltene Arbeitsplanung dem „Studentensyndrom“ vorgebeugt werden kann. Dies würde aber bedeuten, dass man ein Durchhaltevermögen besitzt, als würde man versuchen Körpergewicht zu verlieren oder sich das Rauchen abzugewöhnen.

Um ehrlich zu sein, hätte ich, als ich diesen Artikel schrieb wieder einmal genügend wichtiger Dinge für die Schule zutun gehabt, aber ich leide nun mal am „Studentensyndrom“, dafür müssen Lehrer einfach mal Verständnis haben, denn:
ES IST JA NOCH ZEIT!

Mitja Geitebrügge (freier Mitarbeiter der WYP)